Donnerstag, 28. Dezember 2017

Niccolò Machiavelli und die Macht - Teil 5

(Fortsetzung vom 21.12.2017)

Bei der Frage, ob man grausam oder mild herrschen solle, ist die Antwort entsprechend klar. Es ist dennoch kein Widerspruch zu der Feststellung, dass das Büchlein, welches der Autor hier vorlegt, das Produkt eines enttäuschten Idealisten ist und dass dieser Zeitgenosse nie aufgehört hat, an die ideale Republik nach römischem Muster zu glauben, in der all diese Grausamkeiten nicht notwendig wären, weil die Republik von innen gesund und folglich auch weitgehend immun gegen äußere Angriffe ist.

Es ist das Werk eines Patrioten, der in einer Art verzweifeltem Aufbäumen im letzten Kapitel in seinem Aufruf, Italien von den Barbaren zu befreien, im historischen Vergleich darauf verweist, dass auch die Leistungen Moses sich nicht hätten derart entfalten können, wenn die Juden nicht in der Knechtschaft Ägyptens gewesen wären und dass auch die Größe des Cyrus nicht erkannt worden wäre, wenn die Perser nicht vorher von den Medern unterdrückt worden wären.

Theseus besiegt den Minotaurus
Um Theseus berühmt zu machen, mussten die Athener zu seiner Zeit zersplittert gelebt haben, und so musste auch, damit ein italienischer Führergeist sich zeigen könne, Italien so tief sinken, "sklavischer als die Israeliten, bedrängter als die Perser, zerstreuter als die Athener, ohne Haupt, ohne Gesetze, verachtet, geplündert, zerrissen, von Ausländern tyrannisiert seien, damit einer der Söhne Italiens Gelegenheit habe, die Größe seiner Tatkraft zu zeigen. [ ] Italien, das in den letzten Zügen liegende Italien, sage ich, sieht der Entscheidung eines Erretters entgegen, der die Leiden der Lombardei, des Königreichs Neapel und Toskanas beendet und seine eiternden Wunden heile, welche durch die Länge der Zeit beinahe unheilbar sind. Es fleht zu Gott um einen Erretter, der es von dem unerträglichen Joch des fremden Despotismus befreie. Es ist bereit, jeder Fahne zu folgen, die ein Tapferer wehen lassen wird."

So gesehen, ist es wohl eher ein Aufruf des Schriftstellers an die Mächtigen überhaupt, der Katastrophe ein Ende zu setzen, als ein Appell an eine bestimmte Person, etwa Lorenzo II. de ́ Medici, dem er den "Principe" widmete. Denn um die Schrift Machiavellis aus dem Kontext adäquat zu verstehen, muss man sich klarmachen, dass die Gegenfigur zu seinem robusten Fürsten vom Typus Cesare Borgia nicht der weise, wohlwollende, aufbauende und friedliche Herrscher ist, den man sich vielleicht wünschen würde, denn diesen kann man sich quasi leisten, wenn die Zeiten intakt sind.

Gegenpol zum Fürsten des Machiavelli ist der schwache Herrscher in gefahrvollen Zeiten, der sein Volk und sein Staatsgebiet preisgibt, und zwar dem nächstbesten Fremdherrscher vor die Füße wirft, der wiederum skrupellos genug ist, sich die Schwäche dieses Gebieters zunutze zu machen. Seine sämtlichen anderen historisch-politischen Schriften zeugen davon: Machiavelli war ein leidenschaftlicher Republikaner, der sich ein Staatsgebilde und eine Regierungsform wünschte, die tatsächlich diesen Namen verdient. Doch zu seinen Lebzeiten blieb es ein frommer Wunsch.


Machiavellis Werk – nicht im Ganzen, sondern "Il Principe" im Besonderen – hat die Gemüter erhitzt. Dass zum Beispiel Napoleon Bonaparte oder auch Friedrich Nietzsche zu seinen Fans zählten oder dass auch die Ideologen des modernen Faschismus sich auf Machiavelli beriefen, ist Teil seiner abgrundtief dunklen Geschichte. Der Soziologe Max Weber trifft in seinem 1919 gehaltenen Vortrag: "Politik als Beruf" im Kontext von verantwortungsvoller Politik die feinsinnige Unterscheidung von Gesinnungs- und Verantwortungsethik, wonach der Politiker respektive die Politikerin im Einzelfall abwägen muss, ob er oder sie ihr politisches Handeln primär nach ethischen Prinzipien und Werten ausrichtet oder ob sie vor allem die Folgen ihres Handelns im Blick hat.

Idealerweise sind diese Haltungen einander ergänzende Konstituenten verantwortungsvoller Politik, die an sich Machiavelli nicht widerlegt, da es dem Florentiner in seiner aus den Fugen geratenen Zeit vorrangig darum ging, Tipps zu geben, wie man die erodierenden Staatswesen zusammenhält und die Eigengesetzlichkeit des Politischen anerkennt, unabhängig von den Wertvorgaben der Theologie und unabhängig vom Machtanspruch der korrupten römischen Kirche, die ihre Defensivtugenden nur propagierte – im systemstabilisierenden Bunde mit der weltlichen Obrigkeit –, um ihre Schäfchen gefügig zu halten.

Nach Machiavellis Auffassung war es zudem keineswegs ausgemacht, dass gute Menschen, die etwa über die propagierten christlichen Eigenschaften verfügten, automatisch auch gute Politik machten, beziehungsweise gute Politik von der moralischen Qualität ihrer Urheber abhängig war, und aus der Antike, in der er sich auskannte, lieferte er dafür zahlreiche Gegenbeispiele.

Wie man die Macht letztlich auch immer im handlungstheoretischen Sinn definiert – funktionierende Staatswesen ganz ohne Macht sind bisher eher im Stadium des experimentellen Denkens stecken geblieben. Mit Macht konstruktiv und sogar konstitutiv umzugehen, scheint, so gesehen, auch ein ethisch, und das heißt hier verfassungsrechtlich grundiertes, politisches Gegenwartsideal mit Zukunftscharakter zu sein. Als Machiavellist würde sich dennoch niemand von den aktuellen Politikakteuren gerne bezeichnen lassen. Soviel scheint, bei aller Bewunderung gegenüber den Virtuosen der Macht, doch sicher.


Zitate aus: Sabine Appel: Gierig nach Macht - der Machiavellismus, SWR2 Wissen, Sendungen vom 5. und 12. November 2017

Donnerstag, 21. Dezember 2017

Niccolò Machiavelli und die Macht - Teil 4

(Fortsetzung vom 14.12.2017)


Bei der Frage, ob es denn besser sei für einen Fürsten, grausam oder mildtätig beziehungsweise gnädig zu sein, erfährt man, dass auch diese Wertzuschreibungen nach der Auffassung des Autors relativ waren. Cesare Borgia, so Machiavelli, galt gemeinhin als grausam. Er habe aber doch die Provinz Romagna zusammengehalten, und zwar in Einigkeit, Frieden und treuer Unterwürfigkeit, während die Florentiner es schändlicherweise geschehen ließen, dass Pistoja zerstört wurde, nur um nicht als grausam zu gelten.

Cesare Borgia
Unzeitige Milde, so Machiavelli, rufe zuweilen große Unordnungen hervor, die Mord, Raub und Plünderungen erzeugten, was eventuell ein ganzes Gemeinwesen treffe, während die Exekutionen der Fürsten gegebenenfalls nur Einzelne träfen. Also ganz sicher, ja, ein Fürst dürfe auch den Vorwurf der Grausamkeit keineswegs scheuen, um seine Untertanen in Gehorsamkeit und Einigkeit zu erhalten.

Machiavelli schrieb seine Abhandlung über den Fürsten, wie er selbst äußerte, "mit verkrüppelten Händen", also unmittelbar nach seinen Folterungen, denen er in der Gefangenschaft nach dem Anti-Medici-Putsch ausgesetzt war. Auch das möge man einbeziehen, wenn man den radikalen Duktus des Buches bedenkt, ausgehend von seinem Autor. Einzubeziehen ist aber auch die offenkundige Heuchelei seines Zeitalters, deren Herrscher im Grunde genau diese Art Politik machten, die der Autor nur wiedergibt, während sie diese aber mit pseudo-moralischen Konstrukten verbrämten, die allesamt aus der Theologie kamen.

Die Zeit bedurfte dringend einer politischen Neuorientierung, da auch die Geschichtskonzeptionen sich einem allmählichen Säkularisierungsprozess unterzogen. Dieser zielte auf eine vorbehaltlose und diesseitsgerichtete Erforschung der Gesetzmäßigkeiten, die sowohl den Gang der Geschichte als auch die Gesetze der Politik und des Staatswesens prägten – mit dem Ziel, sie am Ende beherrschbar zu machen.

Auch im Wandel vom mittelalterlichen Ständestaat zum neuzeitlichen Flächenstaat war es weder möglich, die antiken Staatstheorien, die in der Renaissance eine Wiedergeburt erlebten, eins zu eins zu übernehmen, noch den mittelalterlichen Wertekanon mit seiner klar gegliederten Weltordnung unverändert stehen und gelten zu lassen. Die neue Dynamik, die namentlich von einem veränderten Menschenbild herrührte, passte in die Systeme nicht mehr hinein – was der Autor hier schonungslos offenlegte.

Dabei ging es ihm aber ganz sichtbar auch um ein Offenlegen der Scheinheiligkeit – weltlicher und geistlicher Macht gleichermaßen. Machiavelli macht tabula rasa mit der christlichen Demut und dem christlichen Tugendkatalog im Sinne von Glaube Liebe und Hoffnung, der obsolet ist, um auf erfolgreiche moderne Staatskunst angewendet zu werden. Wenn dies in den zeitgenössischen Fürstenspiegeln seitens der Humanisten noch immer getan wurde – die Beschwörung eines christlich-platonischen Idealbildes, in dem sich sämtliche Wunscheigenschaften des "guten Fürsten" spiegelten –, dann war dies nach der Auffassung Machiavellis eigentlich Heuchelei.

Erasmus von Rotterdam
Die berühmten Humanisten der Zeit, die sich für solcherlei fürstliche Erziehungs-bemühungen hergaben, etwa Erasmus oder auch der spätere englische Lordkanzler Sir Thomas More, waren im Allgemeinen frustriert, weil die von ihnen belobhudelten und im besten Sinne ermutigten Fürsten am Ende doch ihre durchaus unchristliche und idealfreie Politik machten: Eroberungs- und Expansionspolitik, Kriegsführung, Pracht-entfaltung, Günstlingswirtschaft – und sich gegen ihre sämtlichen Vorschläge reichlich immun zeigten.

Was sollte das also alles mit der Propagierung der fürstlichen Mildtätigkeit, Großmut, Mäßigkeit, Weisheit, Besonnenheit, Friedfertigkeit, wenn man doch wusste, dass die meisten Fürsten eher das Gegenteil taten und waren und, sofern sie sich tatsächlich milde und friedfertig gaben, strenggenommen nicht taugten für ihre Rolle als Staatsführer?!

Die christliche Defensivmoral war so ungeeignet, wie sie nur sein konnte, um in derart entfesselten Zeiten ein überantwortetes Gemeinwesen vor Angriffen zu schützen und nach außen zu sichern. Und was das Menschenbild anbelangt, so war der Staatstheoretiker Machiavelli weit mehr auf der Linie des späteren Thomas Hobbes, der den englischen Liberalismus geprägt hat, als des Sozialromantikers Jean-Jacques Rousseau, Urvater der europäischen Linken.

Entsprechend waren auch die rabiaten Mittel des Herrschers gerechtfertigt, wenn man sich in die innere Logik des Textes begab, denn die Menschen verdienten es schließlich nicht anders; sie waren auch nicht besser als ihre Machthaber, und sie wussten dies auch.

Wahrhaftigkeit und Hintersinn - je nach necesitá

"Man darf nämlich gar wohl sagen", meint Machiavelli, "alle Menschen sind undankbar, unbeständig, heuchlerisch, furchtsam und eigennützig. Solange man ihnen Wohltaten erzeigt, ohne sie zu brauchen, bieten sie Vermögen, Leben, Kinder und alles zum Dank an. [ ] Brauchst du sie aber, dann empören sie sich und nichts ist dem, der unbedachtsam und ohne sonstige Vorkehrungen auf ihr Wort baut, gewisser als sein Verderben. 

Man verdient wohl die Freundschaft derer, welche man durch Wohltaten und Edelmut gewinnt, aber man besitzt sie nicht, und kann daher nie im Notfall auf sie rechnen. Ohnehin wagen es die Menschen weniger, jene zu beleidigen, welche sie fürchten, als jene, welche sie lieben. Liebe wird bloß durch das Band des Anstands erhalten, welches die Menschen, da sie schlecht sind, jedesmal zerreißen, wenn sie ihren Vorteil anderwärts finden; Furcht aber gründet sich auf die Vorstellung eines zu erwartenden Übels, und diese hört niemals auf."

(Fortsetzung folgt)


Zitate aus: Sabine Appel: Gierig nach Macht - der Machiavellismus, SWR2 Wissen, Sendungen vom 5. und 12. November 2017

Donnerstag, 14. Dezember 2017

Niccolò Machiavelli und die Macht - Teil 3

(Fortsetzung vom 07.12.2017)

Machiavelli unterscheidet zunächst im "Principe" die unterschiedlichen Herrschaftsformen: ererbte Herrschaften, neue Herrschaften, die man mit eigenen Waffen und durch Tüchtigkeit erobert beziehungsweise durch fremde Waffen oder durch Glück, durch Verbrechen erworbene Herrschaften und quasi ihr Gegenmodell: eine Bürgerherrschaft, vom Volk übertragen – ein im Kontext dieser ganzen kruden Realpolitik des Buches erfreulich positives Modell, das auf einen Bürgervertrag mit wechselseitiger Verantwortlichkeit und Verpflichtung hinausläuft, das in wüsten und kriegerischen Zeiten wie diesen aber, für sich allein keine Chance hat.

Die Stadt-Republik Florenz um 1500

Die immense Bedeutung der inneren und äußeren Verteidigungskraft nimmt der Autor dann auch entsprechend zum Anlass, um die robusteren Herrschaftsformen damit unausgesprochen zu rechtfertigen. Dann wären da noch die vermischten Herrschaften, bei denen der neue Gebieter seine Herrschaft auf bereits vorhandenen Strukturen, etwa auch unter Berücksichtigung und Einbeziehung der alten Eliten aufbauen muss, da es ihm aus diversen Gründen nicht möglich ist, mit diesen tabula rasa zu machen und auf einen völligen Neustart zu setzen.

Tendenziell sind es wohl eher die neuen Herrschaften, auf die der Autor seine Betrachtungen richtet, da man es mit dieser Art Herrschaft und Herrschern ja auch weit häufiger in den gegenwärtigen unruhigen Zeiten zu tun hatte und nur durch einen solchen, so schien es, die ersehnte Erlösung oder Befreiung Italiens zu erhoffen war, zu der Machiavelli am Ende aufruft.

Für Machiavelli ist die Angelegenheit letztlich einfach: Zum Staats- und Machterhalt ist nahezu alles erlaubt, und die traditionelle Moral verliert angesichts der Frage, ob eine Politik erfolgreich ist, also der Eigengesetzlichkeit des Staates und seinem Erhalt dient, ihre traditionelle Bedeutung. Der perfekte Herrscher, der nach innen und außen Stärke beweist, muss sich außerdem wirkungsvoll zu inszenieren verstehen. Er muss die Kunst beherrschen, den richtigen Schein zu erzeugen – also in etwa eine Kombination darstellen von unangefochtener Stärke und nachträglich dokumentierter Wohltätigkeit, das auch das Wohlwollen seiner Untertanen verbrieft und die vorangegangenen Schrecken und Machtdemonstrationen vergessen macht; alles zu seiner Zeit.

Tyrannisch darf er natürlich nicht auftreten, denn dann wird er naturgemäß vom Volke gehasst und entfacht einen rebellischen Geist. Mit seiner virtù hat er vorher die Wehrhaftigkeit seines Staates und die eigene Ertüchtigung unter Beweis gestellt, die seine Autorität sicherstellte, aber auch ein Garant der Sicherheit war.

Das Wort: "Staatsräson" stammt nicht von Machiavelli, taucht aber bei mehreren italienischen Zeitgenossen beziehungsweise ein bis zwei Generationen nach ihm in politiktheoretischen Arbeiten auf. Es wurde zum Schlüsselbegriff, auch in den politiktheoretischen Diskursen der Aufklärung, und anschließend auf eine nahezu juristische Weise fest etabliert, etwa im Sinne einer vernunftgeleiteten Interessenkalkulation zur Aufrechterhaltung einer Regierung und ihrer Funktionen – nachgerade ein gezähmter Machiavellismus, wie er ja auch in den aktuellen Debatten erscheint, jenseits der Dämonisierungen des angeblichen Skandalbuches und seines Autors.

Machiavelli
1557 kam der fünf Jahre nach dem Tode des Autors erschienene "Principe" auf den päpstlichen Index, und die Jesuiten waren diejenigen, die in ihrem verbalen Kampf gegen den Florentiner und seine Skandalschrift das Wort zur Charakterisierung des Textes geprägt haben: "Der Zweck heiligt die Mittel." Seither besitzt der Name des Autors und der auf ihn zurückgehende Machiavellismus eine eindeutig negative Konnotation. Er ist gleichbedeutend mit skrupelloser Machtpolitik, einem Verständnis von Staatslenkung, die über Leichen geht, Macht als Selbstzweck im Sinne Selbsterhalts.

Einige Aufklärer sahen die Dinge dann schon etwas differenzierter, und sie diskutierten den Autor vor dem Hintergrund moderner Debatten der Staatstheorie – im Zeitalter der Vernunft waren dies vor allen Dingen Naturrechtsdebatten. Dass Machiavelli die moralische (und indirekt institutionelle) Vorherrschaft der Kirche negierte und für die Politik glasklar ausschloss, wurde im Zeitalter der Vernunft äußerst positiv angenommen und für seine Epoche als visionär angesehen.

Niccolò Machiavelli hatte ein illusionsloses Menschenbild und ein ebenso illusionsloses Bild vom Lauf der Geschichte. Seine zyklische Vorstellung vom Aufstieg und Fall der Reiche, Kulturen und Völker liegt jenseits der traditionellen christlichen Heilslehre, wonach der Historie ein göttlicher Sinn innewohnt und der Gang der Geschichte eine lineare Dynamik besitzt, als eschatologisches Fortschreiten vom Ursprungsparadies vom Endparadies.

Da er dergleichen wahrscheinlich nicht glaubte, kam die Kirche für ihn als Stütze des Staates ebenso wenig in Betracht wie die christliche Werteordnung als Fundament staatlichen Handelns, denn seiner Meinung nach war diese hier nicht nur inadäquat, weil die Erfordernisse andere waren, sondern auch ganz und gar ineffizient.

Nach seiner Geschichtsauffassung ging es vielmehr nur darum, den unaufhaltsamen Niedergang noch so lange wie möglich hinauszuzögern und mit einigen vitalen Wegmarken zu versehen, damit Strukturen erhalten blieben beziehungsweise gesetzt wurden, im Sinne des Staats- und Ordnungserhalts. Dieser Staatserhalt ist ein Wert an sich, von nichts unterlegt und durch nichts moralisch zu rechtfertigen. Er ist die Voraussetzung für jede erfolgreiche Politik.

Im wohl prominentesten Kapitel des Buches vom Fürsten, das davon handelt, inwieweit ein Fürst sein Wort halten muss (und natürlich muss er das nicht), skizziert Machiavelli den erfolgreichen Herrscher in einem Spannungsfeld von humaner und animalischer Natur – pointierter gesagt: Er ist halb Mensch und halb Bestie und muss sich in seinen Handlungen innerhalb dieses Spannungsfeldes bewegen.

Da nun ein Fürst genötigt sei, so Machiavelli, die Rolle eines wilden Tieres zu spielen, müsse er sich den Fuchs und den Löwen gleichermaßen zum Muster nehmen. Nur den Löwen spielen zu wollen, würde bedeuten, dass er seine Sache sehr schlecht verstünde, denn der Löwe entgehe den Netzen nicht, desweiteren aber könne der Fuchs dem Wolf nicht entwischen, und so müsse der Fürst ein Fuchs sein, um die Schlingen zu wittern und ein Löwe, um die Wölfe zu schrecken.

Daher dürfe ein kluger Fürst auch seine Versprechen nicht halten, wenn diese ihm schädlich sei oder die Umstände, unter denen er sie gab, sich geändert haben – eine Grundregel, die nicht gelten würde, so Machiavelli, wenn die Menschen gut wären, was sie aber nicht seien. Und da alle ausnahmslos böse und schlecht seien, könne man davon ausgehen, dass sie im angegebenen Falle ihr Wort auch nicht halten würden. Ein guter Vorwand dafür lasse sich immer finden, und schon in der neueren Geschichte ließen sich Tausende Beispiele anführen von gebrochenen Friedensverträgen, Zusicherungen und anderen Abschlüssen – fürstlichen Wortbrüchen, bei denen aber immer diejenigen am besten wegkamen, die am geschicktesten die Rolle des Fuchses zu spielen verstanden.

Cesare Borgia - Fortuna und virtú
"Nur muß man es gleich dem Fuchs verstehen, seine Rolle durch geschickte Wendungen meisterhaft zu verstecken. Denn die Menschen sind so einfältig und so gewöhnt, den herrschenden Verhältnissen nachzugeben, daß der, welcher betrügen will, immer Leute findet, welche sich betrügen lassen." Schlussendlich war die erfolgreiche und nötigenfalls durchaus unmoralische Staatsführung ein wechselseitiger Vertrag zweier Parteien mit den entsprechenden Anlagen, also schlechten, korrupten, und folglich unter absolut adäquaten Vertragskonditionen.

Diese wechselseitigen Täuschungsmanöver geschahen in einem einvernehmlichen Sinn, und wenn man der Sache eine solide Basis geben wollte, als neuer Fürst, als Eroberer, dann war es zum Beispiel auch angeraten, alle Grausamkeiten gleich am Anfang zu verüben – mit einiger Phantasie lässt sich da anführen: Köpfe abschlagen, hohe Steuern erheben, Vermögen einziehen, Staatsfeinde eliminieren –, um das Volk dann, nachdem es die harte Hand des Staates gespürt hatte, um ihm jedes Aufmucken nachhaltig auszutreiben, mit wohldosierten Wohltaten im Anschluss daran gewogen zu stimmen.

Um die Sache perfekt zu machen, verschaffte sich der Fürst am Ende dann noch einen äußeren Anstrich von Güte, Redlichkeit, Treue und Frömmigkeit. Beide Parteien wissen im Inneren, so der illusionslose Autor, dass es sich dabei nur um Schein handelt, aber dieser Anschein wird wacker verteidigt, wenn nur die starke Hand spürbar bleibt, und damit auch der Ordnungserhalt.

Denn um nichts anderes geht es beim erfolgreichen Herrscher dieses anarchischen Zeitalters. "Man beurteilt die Handlungen aller Menschen", so schließt Machiavelli sein Kapitel über den legitimen Wortbruch, "besonders aber die Handlungen der Fürsten, welche keinen Richter über sich haben, bloß nach dem Erfolg. – Es muß also des Fürsten einziger Zweck sein, sein Leben und seine Herrschaft zu erhalten. Man wird alle Mittel, deren er sich hierzu bedient, rechtfertigen, und jeder wird ihn loben, denn der Pöbel hält sich nur an den äußeren Schein und beurteilt die Dinge nur nach ihrem Erfolg. Nun ist aber fast nichts in der Welt als Pöbel, und die bessere Minorität entscheidet bloß da, wo die Majorität nicht zu entscheiden weiß."

(Fortsetzung folgt)


Zitate aus: Sabine Appel: Gierig nach Macht - der Machiavellismus, SWR2 Wissen, Sendungen vom 5. und 12. November 2017

Donnerstag, 7. Dezember 2017

Niccolò Machiavelli und die Macht - Teil 2



Niccolò Machiavelli, ehemals Staatssekretär und diplomatischer Vertreter der Republik Florenz, des weiteren Schriftsteller, Staatsphilosoph, Humanist, Historienschreiber und Dichter, verheiratet mit Marietta Corsini und Vater von sechs Kindern, begann irgendwann im Jahre 1513 in seinem Landhaus mit der Niederschrift eines Büchleins, das mit großer Wahrscheinlichkeit nie entstanden wäre, wäre nicht Florenz wiederholt in den gegenwärtigen Unruhen und wäre nicht in der Folge auch er, der Politikberater und Diplomat, in den Wirren des Zeitalters politisch gescheitert.

Es war das Zeitalter der italienischen Kriege, und die Republik Florenz lag mit ihren jeweiligen Bündnispartnern mitten darin. „Angesichts dieser Zustände ist der am Ende des Textes beschworene Befreier Italiens, der die Staaten wieder zu einer politischen Einheit zusammenführt, (...) in der Wahl seiner Mittel so frei, wie man sein kann; Hauptsache, er bekommt das Ungemach in den Griff.“

Die politische Landkarte Italiens um 1494

„Erfolg war nach seiner späteren Darstellung eine fruchtbare Mischung aus Fortuna, der wankelmütigen Glücks- und Schicksalsgöttin der Römer, und der in seinem gesamten politiktheoretischen Werk so wesentlichen virtù, die man als politische Energie, bestehend aus Tatkraft und Tüchtigkeit, übersetzen kann und die eine aktionsgerichtete, erfolgsorientierte Tugend bezeichnet.“

„Die virtù Machiavellis ist nie ein nach innen gerichtetes Ideal, sondern wird immer danach bemessen, inwieweit sie für die politische Wirklichkeit taugt. Sowohl tatkräftige Individuen, die die Chancen des Augenblicks und die historisch günstige Stunde nutzen, als auch ganze Völker, die den historischen Wandel bestimmen, da sie sich reif zeigen für die Veränderung, können sie haben, die begehrte virtù.“

Die Antike und ihre geistige Welt war für Machiavelli stets der Referenzrahmen seiner Gedanken. Er bediente sich der umfangreichen Bibliothek seines Vaters und genoss eine grundlegende humanistische Bildung. „Boethius, Cicero, Aristoteles, aber auch die griechischen Historiker Polybios und Thukydides, die er in lateinischen Übersetzungen las, formten sein Weltbild, das nicht nur auf ein zyklisches Bild der Geschichte hinauslief, ein Bild vom gleichsam gesetzmäßigen Aufstieg und Fall der Kulturen und Reiche, sondern das auch ein dauerhaftes Ideal kultivierte, und das war Rom, das römische Weltreich, das nie wieder erstandene Ideal der römischen Republik.“

Dieses Ideal, diese beschworene Größe stand in eklatantem Kontrast zu Machiavellis historischer Wirklichkeit, den kriegsgebeutelten italienischen Staaten einerseits sowie andererseits der dekadenten Spätform der Republik unter den herrschenden Medici. Diese hatten in Florenz die althergebrachte Verfassung durch ihre netzwerkgesteuerte Politik wechselseitiger Abhängigkeiten mit der Zeit unterwandert und damit von innen ausgehöhlt.

In seinen "Discorsi", seinem politiktheoretischen Hauptwerk, setzt er sich intensiv mit den Fragen von Politik und Staatsführung in einer idealen Form auseinander.

„In dieser Idealrepublik, die immer Rom zur Grundlage hat, das versunkene Ideal der römischen Republik, gibt es überhaupt keine Fürsten. Es ist die Vorstellung einer wahren res publica libera, eines freien Staates, der mit einer gesetzten Rechtsprechung, Ämterwahl nach Verdienst und einer gegenseitigen Kontrolle ihrer verschiedenen Instanzen zum Wohle aller und gerecht funktionierte. Dass die Republik Florenz, wie er sie kannte, so weit entfernt war von dieser Vorstellung, war einfach, so schmerzhaft es war, eine Realität seines Zeitalters, und der Autor zollte dieser unerfreulichen Realität in seinem Buch über den Fürsten auf eine, wenn man so will, zynische Weise Tribut.

"Il principe" ist in gewissem Sinne eine kleine Gelegenheitsschrift mit apodiktischem Tenor und einer sehr klaren situationsbezogenen Zielsetzung, während sein weiteres politiktheoretisches Werk, etwa die erwähnten "Discorsi" oder die 1525 vollendete "Istorie Fiorentine", die "Geschichte von Florenz", die Machiavelli im Auftrag der Medici schrieb und in der er auf äußerst geschickte Weise eine subtile Kritik an den gegenwärtigen Machthabern übte, die Form profunder und umfangreicher Analysen besitzt.

Discorsi (1513-1519)
In diesen analytischen Schriften beschrieb Machiavelli sein Ideal – eine freie Republik ohne Fürsten, sorgfältig entwickelt nach römischem Vorbild und mit den Maßgaben der eigenen Zeit. Im "Principe" hingegen beschrieb er die Situation, wie sie war – in Florenz und anderswo in Italien, und was man tun musste, um sich in derart aus den Fugen geratenen Zeiten der Staatsstreiche, Umstürze, der wüsten Eroberungskriege als Staatsführer an der Macht zu erhalten. Alles war besser als ein schwacher Herrscher, der nur der Anarchie Tür und Tore öffnete und der quasi eine Einladung an jeden Eroberer war.

Das Buch vom Fürsten wäre mit großer Wahrscheinlichkeit nie entstanden, wäre nicht Machiavelli, der Politikberater und Diplomat, in den Wirren des Zeitalters politisch gescheitert. Man beschuldigte ihn, an einer Verschwörung gegen die Medici beteiligt gewesen zu sein. Später kam Machiavelli dann im Rahmen einer Gefangenenamnestie wieder frei.

Das war der Hintergrund seiner schriftstellerischen Aktivitäten im beschaulichen Idyll seines toskanischen Landhauses, das lediglich fünfzehn Kilometer entfernt von Florenz lag, aber weit abseits des politischen Geschehens, und das für den einstigen Diplomaten in florentinischen Diensten ein Ort der Verbannung war.

Machiavelli brauchte dringend ein neues Amt, und so versuchte er sich den alten und neuen Machthabern, den Medici, mit einer kleinen politischen Schrift zu empfehlen, die es in sich hatte und die Machiavelli noch heute zum unbestrittenen Skandalautor macht. Titel der Schrift: "Il principe", also: "Der Fürst". Machiavelli erläuterte, er habe über das einzige Thema geschrieben, von dem er wirklich etwas verstehe, und das sei der Staat – anders gesagt: die Mechanismen der Macht, denn nur darum geht es in seinem Buch über den Fürsten.

Lorenzo di Medici, dem Machiavelli
das Buch "Der Fürst" widmete
Zu den Medici, denen er sich als Staatsbediensteter anempfahl, nachdem diese ihn in den Kerker geworfen und ins politische Aus katapultiert hatten, hatte er insgesamt ein ambivalentes Verhältnis, wenngleich er aktuell wohl der Auffassung war, die Medici seien immer noch besser als ein fremder Eroberer, etwa aus dem Haus Habsburg-Spanien. Er würde später in einer sehr gut bezahlten Auftragsarbeit seitens der Medici, der "Istorie Fiorentine", also der "Geschichte von Florenz", die von der Gründung der Stadt bis zum Tode Lorenzos des Prächtigen reicht, das Kunststück vollbringen, eine vordergründige Erfolgsgeschichte dieser legendären Dynastie mit äußerst subtiler Kritik zu verbinden, die sich vor allem auf die Herrschaftspraktiken der Medici bezog als de fakto-Herrscher von Florenz mit Unterbrechungen über etliche Generationen.

„Indirekt machte ihnen Machiavelli den Vorwurf, mit ihrer Politik der flächendeckenden Netzwerke und der wechselseitigen Abhängigkeiten die republikanische Verfassung und damit den bürgerlichen Freiheitsgedanken der Republik von innen auszuhöhlen. In seinem, wie man wohl sagen kann, politiktheoretischen Hauptwerk, den "Discorsi", macht er sich dezidierte Gedanken über eine solche Idealrepublik nach römischem Muster, an die er wohl auch bis zum Ende geglaubt hat, die aber weit entfernt war von den Verhältnissen seiner Gegenwart.“

Im "Principe" allerdings geht es ausschließlich um den Machterhalt, und zwar aus der Perspektive des Herrschers. Es ist eine Auseinandersetzung mit den politischen Realitäten, ein fast zynischer Kommentar zu den politischen Praktiken seiner Zeit – über weite Strecken eine reine Zustandsbeschreibung – , also letztlich auch die relativ emotionslose Schilderung, wie man agieren musste, um als Staatsführer in wilden Zeiten, in denen Recht und Ordnung ohnehin nicht mehr existierten, in denen die Gesetze nicht galten, keine Absprache, keine Verfassung und keine althergebrachten, verbrieften Rechte und in denen die Invasion von Fremdherrschern eine allgegenwärtige reale Bedrohung darstellte, nichts Geringeres als den eigenen Staat zu verteidigen.

Die damit beabsichtigte Werbung in eigener Sache - also sich mit dem Fürstenbuch idealerweise wieder in Amt und Würden zu schreiben – hat übrigens nicht funktioniert. Im Laufe der Jahre unternahm Machiavelli wieder eine Reihe von diplomatischen Reisen im Auftrage der Regierung, erhielt aber keine offizielle Staatsstelle mehr. Er hat noch die Plünderung Roms erlebt am 6. Mai 1527, sowie den erneuten Sturz der Medici in Florenz unmittelbar danach. Er starb kurz danach, am 21. Juni 1527, an einem Magenleiden.

(Fortsetzung folgt)


Zitate aus: Sabine Appel: Gierig nach Macht - der Machiavellismus, SWR2 Wissen, Sendungen vom 5. und 12. November 2017