Donnerstag, 21. November 2013

Michael Landmann und der Wachstumsrhythmus

Die Sonderstellung des Menschen !?
In der Geschichte der Philosophie wurde die Frage nach dem Menschen als Naturwesen in zweierlei Hinsicht gestellt. Einerseits fragte man nach der Stellung des Menschen in der Natur, insbesondere nach seinem Verhältnis zu den Tieren. Andererseits ging es um die Natur, d.h. um das Wesen des Menschen, vor allem um die Rolle von Trieb und Vernunft.

In der griechischen Antike waren beide Aspekte in der Vorstellung vom Menschen als Teil der kosmischen Natur gleichwohl eng verknüpft. Den Griechen galt der Kosmos als nicht geschaffen, ewig und als Inbegriff einer vernünftigen und göttlichen Ordnung, der Mensch seinerseits galt als das höchste Naturwesen, das durch seine Vernunft an der vernünftigen Ordnung des Kosmos teilhatte.

Sowohl Platon als auch Aristoteles vertraten eine Vernunftanthropologie, der zufolge das Wesen des Menschen in der Vernunft bzw. in seiner Vernunftfähigkeit sieht. Die Rationalität des Menschen dominiert über seine körperliche, rein tierhafte Verfassung einschließlich der Triebe, Begierden und Instinkte. Erst durch seine geistigen Fähigkeiten wird der Mensch in einem vollen Sinne Mensch.

Der Vernunftanthropologie entgegen steht der Ansatz Arnold Gehlens, der auch die Frage nach der Sonderstellung des Menschen in der Natur zu beantworten versucht, ausgehend von der Biologie und einem Mensch-Tier-Vergleich. Gehlens zentrale These lautet, dass der Mensch als natürliches Lebewesen ein „Mängelwesen“ ist, das nur mit dürftigen Instinkten und begrenzt leistungsfähigen Organen ausgestattet ist. Daher muss sich der Mensch, wenn er überleben will, eine „zweite Natur“, eine künstlich-technische Ersatzwelt erschaffen, die Kultur.

Michael Landmann
Einen Mittelweg geht Michael Landmann, der die These vertritt, nach der der Mensch grundsätzlich anders als jedes Tier ist. Um die Sonderstellung im Bereich der Lebewesen zu beweisen, sei es gar nicht nötig, über seine (animalische) Körperlich­keit noch eine (geistige) Schicht der Vernunft zu legen. Während das Tier eingebunden und abhängig von seiner Um-Welt ist, lebt der Mensch welt-offen in sozialen und kulturellen Beziehungen.

Für Landmann ist evident, das schon die die Körperlichkeit des Menschen ist eine "spezifisch menschliche Körperlichkeit“ ist. Landmann wendet sich damit deutlich gegen die Vernunftanthropologie mit ihrer Tendenz, das vitale Substrat des Menschen gewissermaßen tierisch sein zu lassen. Danach beginne erst mit dem Geistigen, das über dem Tierischen steht, das eigentliche Menschsein. Landmann hält dagegen: „Vertiefte Einsicht dagegen weiß wieder: Bereits das Biologische an uns ist durch und durch menschlich. Der Mensch unterscheidet sich vom Tier von vornherein durch ein ganzheitliches Aufbaugesetz, das auch sein Physisches einbegreift, auch an ihm schon das menschliche ausprägt. Er hat `weder Kern noch Schale´.“

Man kann Landmann zufolge sehr gut beobachten, dass körperliche und geistige Eigenschaften des Menschen nicht unabhängig voneinander existieren: „Sie sind nicht zwei getrennte Sphären oder Schichten, die sich bloß übereinander türmen. Beide sind aufeinander hingeordnet und bedingen sich gegenseitig. Gerade diese Körperlichkeit bedarf zu ihrer Ergänzung dieser Geistigkeit und umgekehrt.“

Der entscheidende Unterschied zwischen Mensch und Tier sieht Landmann in der Art der Steuerung. Weil das Tier in seinem Verhalten durch Naturinstinkte gesteuert kann, bedarf es auch, nachdem es geboren ist, keiner langen Jugend: „Die Instinkte brechen von selbst in ihm durch.“

Der Mensch dagegen ist geistgesteuert. Dabei besitzt „Geist“ eine doppelte Dimension: So wird der Mensch gesteuert "einerseits vom subjektiven Geist seiner eigenen Person wie - was zunächst noch schwerer wiegt - vom objektiven Geist der sozialen Gruppe, in der er groß wird, von der von Gruppe zu Gruppe variierenden Kultur, die den verfestigten Niederschlag früheren subjektiven Geistes darstellt.“


Ist Geiststeuerung abhängig von der Gehirngröße?

Kultur ist die „zweite Natur“ des Menschen. Soweit gibt Landmann Gehlen Recht, aber: „In diese Kultur aber muss jeder erst hineinwachsen, er muss sie lernend in sich aufnehmen.“ Kulturelle Gepflogenheiten, Sprache, Sitte, aber auch technische Handhabe liegen nicht als fertige Anlagen bereit, die sich dann wie Instinkte bei Tieren nur auf den auslösenden Reiz warten, um sich entfalten zu können. Vielmehr hat der Mensch nur "eine Anlage: dies alles zu lernen; nur einen Instinkt: den des Nachahmens." So sei das "Nachäffen" nicht nur eine Eigenschaft der Primaten, sondern vor allem auch des Menschen: "Er muss das kulturelle Traditionsgut seiner Gruppe erst in einem eigenen Aneignungsprozess für sich übernehmen und einüben."

So erkläre sich auch die frühe Geburt des eher „unfertigen“ Menschen: „Sobald es irgend angeht, solange er noch so plastisch wie möglich ist, soll er bereits in Kontakt mit seinen Sozialgenossen stehen, sollen die kulturellen Normen, die er übernehmen muss, auf ihn einwirken.“ Selbst so grundsätzliche Fähigkeiten wie der aufrechte Gang beruhen nicht auf erblich angeborener Anlage, sondern hängen ab vom Einfluss und dem Vorbild der Erwachsenen. Junge Säugetiere beherrschen dagegen Haltung und Bewegungsweise ihrer Art bereits von Geburt oder fast von Geburt an.

Wachstumsrhythmus und Aneignung von Traditionsgütern beim Menschen

„Das erste Lebensalter des Menschen ist kein `Schimpansenalter´, er muss nicht erst `den Affen in sich´ überwinden. Von allem Anfang an wächst, reift er und bewegt er sich nach eigenen Gesetzen.“ So lässt sich auch die lange Jugend des Menschen besser verstehen: „Die Aneignung der Kultur ist etwas derart Schwieriges, dass er damit nicht nur früh beginnen muss, sondern auch dann noch außerordentlich lange Zeit dazu benötigt. Es genügt nicht, die kulturellen Einrichtungen und Gewohnheiten rein als solche zu kennen. Man muss sich gleichsam nicht nur mit dem kulturellen Vokabular, sondern auch mit der kulturellen Syntax vertraut machen.“

Jeder weiß, dass es erst nach sehr viel Lernen und Erfahrung gelingen kann, diesen komplexen Apparat der Kultur zu durchschauen und richtig zu bedienen, gerade weil es nicht nur darauf ankommt, die einzelnen Elemente der Kultur („Vokabeln“) isoliert voneinander zu betrachten, sondern als eine Summe von vielfältig geordneten und komplexen Zusammenhängen („Sätzen“) zu begreifen.

Zitate aus: Michael Landmann, Philosophische Anthropologie, Berlin 1982 (Gruyter) - Zum Hören: Marco Weh über "Kopf und Körper" im Philosophischen Radio auf WDR 5 

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